Bedeutung von Depression

In psychiatrischer Sichtweise ist Depression eine Krankheit, die anhand Kriterien in bestimmte Unterformen eingeteilt wird wie Depressive Episode, Dysthymie etc je nach Anzahl, Art und Schwere sowie Dauer der Symptome. Seit der Internationalen Klassifikation Psychischer Störungen ICD-10-Version Kapitel F wird nicht mehr zwischen endogener (Krankheit) und exogener (ausgelöst durch Probleme) Depression unterschieden. Ursächlich wird immer ein Zusammenspiel aus genetischer Disposition und Umweltbelastung gesehen. Depression ist sicher die häufigste psychiatrische Erkrankung und auch die Erkrankung mit dem meisten Einfluss auf die Störungen sozialer Funktion und Lebensqualität. Die Behandlung der Depression hat sich in den Jahrzehnten nach der Entwicklung des ersten Antidepressivums erheblich verbessert. Andererseits sind neue chronische Formen der Depression entweder entstanden oder erstmals erkannt worden mit sog Komorbidität, d.h. zusätzlichen Diagnosen wie Angst, Trauma, Zwang, Schmerz, Störung der körperlichen Befindlichkeit.

Als gesellschaftliches Phänomen betrachtet hat Depression eine Bedeutung, die über die Diagnose einer Krankheit weit hinausgeht. Sie ist eine Art Zugangsschlüssel, um etwas zu erreichen: Sie bringt Zuwendung, Hilfe in der Partnerschaft, im Beruf, Finanzen und körperlicher Krankheit. Sie ist oft die einzige Währung am Ende eines langen Abstiegs, die über Therapien, Reha, Krankenhaus, Sozialdienst endlich Hilfen rekrutieren kann. Sie ist auch eine rote Daueralarmlampe, wenn jemand sich gekrängt, beleidigt, erniedrigt fühlt und eine Wiedergutmachen von der Umgebung oder der Gesellschaft und ihren Institutionen will.

Hier spekulieren depressiv Erkrankte, ohne sich der Risiken genügend bewusst zu sein. Oft ergeben sie sich zu lange der Krankheit, bevor sie sich wehren. Und manchmal sind schon langwierige Folgen für die Gesundheit entstanden und viel soziales Porzellan ist zu Bruch gegangen. Es wird immer, schwerer, den Aktivitätsradius wieder zu erweitern. Die Krankheit Depression und die sozialen Probleme ergänzen und erschweren sich gegenseitig in jedem Stadium der Erkrankung. Ohne Besserung sozialer Umstände ist die psychopharmakologische Therapie oft unwirksam, ohne psychopharmakologische Therapie bessert sich die Fähigkeit zur Problembewältigung nicht.

Einsamkeit ist oft eine Folge der Depression, oft steht sie auch am Anfang. Die Strukturen der Großstadt ermöglichen Anonymität als Rückzug, wenn man „schlecht drauf ist“ und als missliche Lage, wenn man unfähig ist, Kontakte zu mobilisieren. Man telefoniert leichter stundenlang mit einer Hunderte von Kilometern entfernten Freundin, als beim Nachbarn zu klingeln. Im Endzustand müssen Therapeut*Innen und künstliche Gebilde wie Freizeitclubs, Patiententagesstätten das soziale Umfeld wie eine Simulation ersetzen. Die Gravitation des Lebens zieht nach unten, wenn man nicht ständig dagegen ankämpft, so dass die harte Landung auf dem Boden unausweichlich ist.